... Als Theres Liechti zu den romanischen Fresken im Kloster Müstair aufschaute, entdeckte die Veltheimer Videokünstlerin die Szene mit der tanzenden Salome. Sie war fasziniert und dank eines Stipendiums hatte sie auch Zeit für digitale Recherchen.

Dabei stiess sie auf Tausende von Bildern mit dem Salome-Motiv. Nicht nur der tanzenden, sondern auch jener Salome, die triumphierend das abgetrennte Haupt des Johannes des Täufers präsentiert. Berühmte Künstler hatten sich in der Hochblüte der Malerei mit dem biblischen Thema beschäftigt, etwa Tizian, del Piombo oder Cranach.

Salome und Johannes

Deren Meisterwerke hat Liechti nun ausgewählt und als Farbstiftzeichnung und Miniatur ausschnittsweise wiedergegeben – mitsamt dem Smartphone als Rahmen. Damit schafft sie einen direkten Bezug zur Gegenwart, wo Handybenutzer ungefiltert mit Bildern von Opfern von Gewalt konfrontiert werden.

Als Liechti die Serie «Salome 4 Zoll» im Münstertal schuf, wusste sie noch nichts von der Einladung zur Ausstellung in der temporären Kapelle, einem seitlichen Anbau der Kirche Veltheim. «Transformation» heisst der dort von Anita Bättig kuratierte Zyklus, der von Rahmenveranstaltungen mit Lesungen, Diskussionen und Musik begleitet wird.

Doch Liechti war augenblicklich klar, dass die Salome-Zeichnungsserie in dieser provisorischen Kapelle nicht nur des biblischen Themas wegen am richtigen Ort war. Sie erhoffte sich auch, dass die Bildgeschichte eine Diskussion über Frauenbilder und deren Interpretation auslösen könnte. Konventionell wird die verführerische Salome auf eine «femme fatale» reduziert, die auf die Einflüsterung ihrer Mutter hin von ihrem Stiefvater, dem König Herodes, das Haupt des Johannes verlangt. In den biblischen Legenden repräsentiert der Eremit Johannes sittliche Selbstkasteiung und Verzicht auf Lebensgenuss. Diese antagonistische Figurenkonstellation hat Maler, Komponisten und Literaten zu mannigfachen erzählerischen Deutungen angeregt.

Akt der weiblichen Befreiung

Liechti schlägt einen Pfad ein, dessen Perspektive weiblich orientiert scheint. Und mit der zeichnerischen Fokussierung auf die selbstbewusst posierende Salome, die den Kopf des Johannes als Trophäe präsentiert, wird dem Betrachter ein Deutungshorizont vorgeschlagen, der feministisch grundiert ist und Salome (und ihre Mutter) in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt: Das abgetrennte Haupt ist weniger Ausdruck persönlicher Rache (an Johannes), sondern steht als Symbol für einen radikalen Akt gegen (männliche) Unterdrückung und Herrschaft sowie gegen das Diktat einer körperfeindlichen Askese und Moral.

Letztlich verweist die Geste auch auf Verzweiflung und Notwehr und kulminiert in einer blutigen Aktion der weiblichen Selbstermächtigung. Darin werden die Befreiung von moralischer Tyrannei und Emanzipation von den Fesseln lebensverneinender Gebote und Verbote symbolisch angekündigt.

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Adrian Mebold, der Landbote, 11.1.2020


... Bilder virtuell in Gang zu bringen, ist eine Spezialität dieser Künstlerin. Sie legt uns ein Bild hin, öffnet damit die Schleusen unseres Unterbewussten. Nicht nur Versuchsanordnungen auszulegen, sondern ganze Abläufe selber in Bewegung zu setzen – dies war der Auslöser für die Auseinandersetzung mit dem Medium Film. Theres Liechti hat inzwischen ein knappes Dutzend Kurzfilme im stop-motion-Verfahren realisiert, die an Prägnanz und Originalität zum Besten gehören, was ich in diesem Bereich im Documenta- und Biennale-Jahr 2017 gesehen habe.

Die nicht zu überbietende Einfachheit und Selbstverständlichkeit ihrer filmischen Aperçus, die oft nur in einer einzigen Körperbewegung bestehen, sind cool und einfach genial. Ihre Protagonisten sind Puppen, Plastikschweinchen, der eigene Hund; die Spielorte vorzugsweise Puppenstuben. Häufig passiert fast nichts. Besamo mucho: Man sieht eine Puppe, ein Mädchen im roten Röckchen steht vor uns. Lange nichts! Läuft der Film überhaupt? Plötzlich springt das Püppchen hoch und spreizt wie ein Hampelmann die Beine und wirft die Arme in die Höhe. Außer dem Röckchen trägt es keine Kleider. Dann geht’s zurück in die keusche Ausganslage. Ebenfalls wie unter einem Bann führen die Puppen im Puppenhaus Insomnia immer wieder die exakt gleichen Bewegungen aus: Diese Szenen wirken wie Albträume: Liechtis Puppen sind Sisyphos‘ Schwestern. Doch es gibt auch heitere Zwischenspiele, wenn sie ihren Schlafenden Hund filmt und der Kreatur die Ruhe gönnt oder wenn sie mit ihren Händen Monster in den Raum zaubert. ...

Matthias Frehner, Ausschnitt Laudatio, Carl Heinrich Ernst Preisverleihung, Kunstmuseum Winterthur, 2017