«Homesick», work in progress, Kugelschreiber auf Tapete, 2015/17

Installation, Unjurierte, Eulachhalle Winterthur, 2017

«Rey 1» zeigt einen kleinen Hund, der sich beim Schlafen eng zusammengerollt hat, «Rey und Basil 2» stellt einen Jungen dar, eng angeschmiegt an Rey, beide schlafen friedlich. Die beiden Werke gehören zu der Serie «Homesick», eine Werkreihe, die weiterhin fortgeführt wird. «Homesick» besteht aus Zeichnungen, die innerhalb der letzten drei Jahre entstanden sind (und weiterhin entstehen) und um das Thema Heim, Familie und Geborgenheit kreisen. Dabei kommt es nicht von ungefähr, dass diese beiden Darstellungen mit Kugelschreiber auf Tapetenresten gezeichnet sind. Tapeten stehen einerseits für ein heimeliges Zuhause, für Gemütlichkeit und eine gewisse Wohligkeit. Andererseits können Tapeten die Stimmung aber auch zum Kippen bringen, können auch leicht etwas altmodisch daherkommen, abblätternde Tapeten drücken nicht nur Vernachlässigung, sondern auch eine unterschwellige Schwermut oder Morbidität aus. Aber genau wie Tapeten an sich, widerspiegeln diese Zeichnungen diesen Widerspruch: Die Sehnsucht nach Geborgenheit, Heimeligkeit und die gewisse Note von mitschwingender Melancholie.

© Katja Baumhoff

«Homesick», work in progress, 2015/17

«Basil und Rey», Kugelschreiber auf Tapete, 2015, Kunstsammlung Stadt Winterthur



«Homesick», work in progress, 2015/17

«Rey»; Kugelschreiber auf Tapete, 2015, Kunstsammlung Stadt Winterthur


«Homesick», work in progress, 2015/17

«Flucht», Kugelschreiber auf Tapete, 2015


 

«Torera», Stop Motion Animation

Projektion auf Schürze, 100-Jahre Künstlergruppe, Winterthur, 2016

 

«Rey sitzt», Video

Projektion auf Tapete, «Inspiration Flora», Villa Flora, Winterthur, 2016

«Rey sitzt» ist eine Videoproduktion, die formal als Guckloch konzipiert ist. Durch die Öffnung kann man einen zierlichen schwarzen Hund mit bereits etwas angegrauter Schnauze auf einer Wiese beobachten, wie es sich vor dem Betrachter in Szene setzt und in Richtung des Gucklochs schaut. Das «Dog-Peeping» hat eine durchaus humoristische Komponente: Denn wer beobachtet hier eigentlich wen? Der Hund geht visuell in irritierender Weise, nämlich vorwärts und wieder rückwärts. Er setzt sich hin und dann geht der Loop von vorne los. Das Tier bewegt sich in einem Dressurmodus, der seiner tierischen Natur völlig zuwiderläuft und seine Instinkte ad absurdum führt. Eine weitere Bedeutungsebene schafft die gemusterte Tapete als Projektionsfläche: Sie ist Sinnbild bürgerlicher Lebensräume, in welchen Bedürfnisse oft domestiziert werden und zahlreiche Konventionen das Individuum so weit verbiegen, dass dieses zu einem funktionierenden Mitglied der Gesellschaft wird. Es wird so folgsam wie ein guter Hund.

© Christina Peege



 

«Feuer im Dach», Video

Projektion, «Parcours humain», Tramdepot Burgernziel, Bern, 2016


 
 

«Bad», Stop Motion Animation, 00:21, Loop

Holzkiste mit Türspion, Sträuli Seife Rechnung, Monitor 10“, SD-card

Installation «Kerzen und Seife», Villa Sträuli, Winterthur, 2016


 

«Feuer im Dach», Video

Projektion auf Tapete, Neuwiesenhof, Winterthur, 2015

Die Ausstellung erweist dem geschichtsträchtigen Ort durch souveräne Interaktionen seine Reverenz. Diese beginnt bereits bei der Garderobe, wo Theres Liechti eine unter dem Täfer freigelegte Tapete als Untergrund für ihre Projektion «Feuer im Dach» nutzt. Ihre Arbeit thematisiert die Störung des häuslichen Friedens in Form eines Beziehungskonfliktes.

© Lucia Angela Cavegn


 
 

«Kreuzweg» oder «Letzte Sätze»

14 Handspiegel mit Gravur, Tisch, LED, Baumwolle, 75x75x45, 2015

Installation, Neuwiesenhof, Winterthur, 2015

Für Theres Liechti sind die wohl wichtigsten Inspirationen ihre Alltagsbeobachtungen. Sie hat ein ausgeprägtes Flair für die Zwischentöne des Lebens, sie hat den Blick für die Magie des Gewöhnlichen und für Skurriles in den Alltäglichkeiten. Und vor allem hat sie die Gabe, ihre Beobachtungen witzig, feinsinnig und mit Tiefgang in ihre Kunst einfliessen zu lassen.

© Rebecca Gericke-Budliger


 

«Torte», Stop Motion Animation

Projektion, Mädchenheim Murg, 2015


Betreten wir den Raum, so werden wir als erstes mit dem Ausblick auf den Walensee und der Umgebung mit ihrer Üppigkeit überrascht. Ein nächster Impuls lenkt unseren Blick auf die Projektion an der Decke, die eine in Stuck gefaßte Rosette überlagert. Schichten von Häkelformen als Duplikate der Rosette in Orange, Beige und Ocker transformieren die architektonische Form.

Häkeln könnte eine der Freizeitbeschäftigungen der Spinnereiarbeiterinnen gewesen sein, eine meditative Arbeit, bei der sich auch Tagträume materialisieren ließen. Und wer weiß, ob da nicht auch Sehnsüchte einer möglichen Hochzeit mit „Torte“ ihren Ausdruck fanden. Das auf jeden Fall suggeriert uns der Titel dieser Arbeit. Da sich die Häkelschichten stetig wandeln, wird suggestiv angedeutet, daß das erträumte Glück nicht zwingend von Dauer sein muss. 

© Franziska Lingg

«Katze» , Tusche auf Aquarellpapier, 100x70 cm, 2014


«Schiff»Tusche auf Aquarellpapier, 100x70 cm, 2014


«Torte», Projektion auf Porzellen, Kunsthalle Winterthur, 2014

Sammlung Stadt Winterthur

 

«Puppe», Stop Motion Animation

Projektion mit «Torte», Kunsthalle Winterthur, 2014


 

«Frau», Stop Motion Animation, 00:40, Loop, 2013

Still


 

«Latexdinger»

Latex, Pigmente, Watte, Faden, Strumpf, Gaze, 1997/98

Installation, Gewerbemuseum Winterthur, 2013/14

Von grosser Unbekümmertheit und Sinneslust sind Theres Liechtis «Latexdinger››. Schon bei der Arbeit an der «Vitrine›› experimentierte die Winterthurer Künstlerin mit Latex. Das in der Bildhauerei kaum benutzte Material hat interessante Eigenschaften: es können ihm Farben beigemischt werden, seine Oberfläche erinnert an die menschliche Haut und es ist elastisch. lm Werk „Latexdinger“ stellt Theres Liechti vergrösserte Eicheln, Brüste und Vaginas zu einem bunten, vitalen Stilleben zusammen. Sie erinnern spontan an Frida Kahlos (l907-l954) berühmte Gemälde mit exotischen Früchten aus den vierziger und fünfziger Jahren. Nur funktionieren sie in umgekehrter Weise. Waren die gemalten Früchte der mexikanischen Künstlerin ein verschlüsselter Hinweis auf Sexualität, deren direkte Darstellung damals noch nicht möglich gewesen war, erinnern die unverhohlen erotischen Objekte von Theres Liechti an Früchte, deren Konsum sinnlicher Genuss verspricht. Mit Mut und Humor beweist die junge Objektkünstlerin einmal mehr, dass die Darstellung von Körperlichkeit und Sexualität keine Verkrampfung auszulösen braucht, sondern mit derselben Selbstverständlichkeit wie das Arrangieren eines Früchtestillebens vor sich gehen kann. 

© Kathleen Bühler, Jahrbuch 2000


«Schweinemagd», Stop Motion Animation, 00:32, Loop, 2011

Projektion, Kunsthalle Winterthur, 2012

Mit der Figur der Schweinemagd, die kurbelnd Tier um Tier der ihr anvertrauten Herde in einen Brunnenschacht lockt, verweist Theres Liechti auf Motive der Volksliteratur, ohne jedoch eine spezifische Vorlage zu zitieren. Wie im Märchen korreliert die als Abwehr verhexter Freier durch die ebenso schöne wie stolze Maid verstandene Handlung in ihrer Radikalität mit latenten persönlichen Wunschvor-stellungen von Liebe und Glück. In der doppelten Unentrinnbarkeit, die sich, potenziert durch den Loop, aus dem unaus-weichlichen Brunnensturz und der zyklischen Wiedereinreihung der Tiere in den Reigen ergibt, erfüllt sich die für Märchen charakteristische Unterscheidung in Gut und Böse, Belohnung und Bestrafung jedoch nicht. Für den Ausgang und damit auch für die Moral der Geschichte wird an den Betrachter und seine Phantasie appelliert.

© Text: Astrid Näff


«Zeichnungen», Mixed Media, 1998-2010

Installation, Kunstforum, Winterthur, 2012

Theres Liechti arbeitet in den verschiedensten Medien. Ihr Repertoire umfasst Zeichnung, Malerei, Objektkunst und Film. Die langjährige Konstante in ihrem Oeuvre ist zweifellos die Zeichnung. Dabei steht meistens das Körperliche im Vordergrund. Körperlichkeit wird ohne Umschweife sehr direkt, aber niemals vulgär dargestellt. Durch ihre Tabulosigkeit entmystifiziert Theres Liechti sagenumwobene Themen wie Sexualität oder Geburt und verseht sie sattdessen mit einem feinen Zauber des Alltäglichen.

Text: Rebecca Gericke-Budliger



 

«Monster», Video, 9:39, Loop, 2009

Projektion, Privatsammlung, 2012 

«Monster», ein Wiedergänger der Schattenspielfiguren unserer Kindheit, ist Handwerk im wortwörtlichen Sinn. Das Fertigungsstück bleibt jedoch ungreifbar, ist flüchtiges Trugbild, Einbildung, Phantom. Durch Umkehrprojektion zur Lichterscheinung erklärt, lässt der Formwandler die Umstehenden dennoch gebannt vor seiner Silhouette verharren. Mit ganz simpel anmutenden Mitteln wird so ein Bogen geschlagen von den einst ängstigenden Ausgeburten der Phantasie zu den Mechanismen der Imagination und zur Magie des bewegten Bilds.

© Text: Astrid Näff


 

»Reh», Video, 05:33, Loop, 2009

Installation «Im Wald», kunstkasten, Winterthur, 2012

Sammlung Kanton Zürich

Schwere Gardinen sind aus der Mode geraten. Wer ein Loft bewohnt, gibt sich weltoffen und verbarrikadiert sich nicht mit Vorhangbahnen. Es gibt jedoch auch den gegenteiligen Trend: In unsicheren Zeiten neigen die Menschen zum Cocooning, ziehen sich in die eigenen vier Wände zurück und finden hier ihr kleines Glück. Die Winterthurer Künstlerin Theres Liechti hat den Kunstkasten am Katharina-Sulzer-Platz mit opaken Tüllvorhängen ausgekleidet und setzt damit einen Gegenakzent zur durchdesignten Umgebung, die trotz des Baumbestands steril wirkt. An der Stirnseite des «Guckkastens» erlaubt ein Spalt den Passanten, einen Blick in das behagliche Gemach zu werfen.Dort bewegt sich ein Reh - kein echtes, nur der Schattenriss einer Spielfigur. Eine rosafarbene Wolldecke mit Blattmotiven dient als Projektionsfläche. Auch wenn die Installation ‹Im Wald› heisst, fühlt man sich in ein Kinderzimmer versetzt. Weitere Spielsachen fehlen zwar, doch das durch Stop-Motion-Animation belebte Tier, das einknickt und sich immer wieder aufrichtet, ruft zahlreiche Assoziationen hervor. Ein feiner Riss durchzieht die vermeintlich heile Welt. Theres Liechti arrangiert Puppen und anderen Kinderkram zu kurzen, fast sprichwortartigen Geschichten, die unterschwellige, stumme Schrecklichkeiten des Alltags thematisieren.

© Lucia Angela Cavegn


 

«Datscha», Stop Motion Animation, Loop, 2011

3-fach-Projektion, Skulpturen Symposium, Weihertal, 2011

Medial ist Theres Liechti eine Grenzgängerin, die sich mühelos zwischen Zeichnung und Objekt, Film, Fotografie und Installation bewegt. 2007 intensiviert sie den Einbezug Neuer Medien und befasst sich seither vornehmlich mit dem bewegten Bild. Ihre erklärte Präferenz gilt dabei dem mit Hilfe von Fotokamera und Computer im Stop Motion-Verfahren entstehenden Animationsfilm, da sie weniger am Registrieren einer wie auch immer gearteten Realität, dafür umso mehr am Haptischen der Arbeit am Tricktisch sowie am anregenden, die Phantasie beflügelnden Potential ihrer Figuren interessiert ist. Komplexere Erzählstränge meistert sie durch Verdichtung. Öfter jedoch ist das Bildgeschehen monoszenisch und Konzentration, Unterbrechung, Wiederholung und Rhythmus ersetzen die Narration. Jede Arbeit kann schliesslich verschiedene Werkformen annehmen, wobei Bildschirm- und Monitorvarianten gleichberechtigt neben Projektionen im abgedunkelten Raum stehen. Ihre Wahl trifft die Künstlerin situativ. Ausschlaggebend ist die Umgebungshelligkeit und seit 2010 verstärkt auch der Wunsch, das bewegte Filmbild als bewegliches Bildobjekt vorzuführen, das ganz nach Belieben auf- oder abgehängt, in Relation zu benachbarten Arbeiten gesetzt oder gar installativ eingebettet werden kann.

© Astrid Näff



 

«Blinzeln», Stop Motion Animation, 00:15, Loop, 2010 
Projektion, visarte, Zürich
Mit dem Blinzeln thematisiert Theres Liechti einen der wichtigsten Kunstgriffe filmischer Animation. Den vom Menschen ebenso beiläufig wie spontan ausgeführten Unter-brechungsakt des Sehens ergänzt sie durch ein Zwinkern, mit welchem die Puppe koket-tierend um Aufmerksamkeit wirbt. Tritt der Betrachter auf den Versuch der Kontaktaufnahme ein, fällt er listigen Umständen zum Opfer, da er, wider besseres Wissen, die Befähigung einer offensichtlich unbelebten Figur zur Kommunikation akzeptiert.

© Text: Astrid Näff

«Weggli», «Reh im Gras», «Besame mucho», Stop Motion Animation, Loop
Installation , Atelier Alexander, 2010

... während Fotografie und Videoinstallationen nur am Rand, dafür in überzeugender Qualität vorkommen, zum Beispiel in Theres Liechtis (geb. 1968) sechs Videoanimationen auf präparierter Spiegelfläche, die ironisch und subversiv das gewohnte Sehen unterlaufen (Atelier Alexander).

Suzanne Kappeler, NZZ, 16.12.2010

«Im Atelier Alexander sind es vor allem die Videos von Theres Liechti, die einen begeistern. Ihre sekundenkurzen Loops («Liebe», «Weggli», Kaulquappe» usw.) sezieren mit ungemein präzisem, trockenen Humor allzu(zwischen)menschliches. Wunderbar vor allem das atmende «Weggli», das allerlei Assoziationen bereithält. Bon Appétit!.»

Lucia Angela Cavegn, Der Landbote, 4.12.2010


«Baby», Stop Motion Animation, 00:12, Loop, 2009
Still

Eine Babypuppe und ein Kondom, letzteres wassergefüllt und vom Verhütungsmittel zur Fruchtblase uminterpretiert, sind die sim-plen Bestandteile dieser Animation, mit der Liechti an frühere Arbeiten zu Sexualität und Geburt anknüpft. Das Versprechen von Liebe und Glück, ein Kernthema der Künstlerin, scheint im Bild dieses zarten, noch im Mutterleib geborgenen Lebens unmittelbar in Erfüllung zu gehen. Wie so oft in Liechtis Werk stellt sich bei vertiefter Betrachtung aber auch das Bewusstsein um die stete Gefährdung allen Hochgefühls ein. Schon ein Nadelstich reicht, und das Glück zerplatzt.

© Text: Astrid Näff


«Kampf», Video, 00:40, Loop, 2009 

 Triumphierender Held des ungleichen Kampfes ist Rey, der Chihuahua der Künstlerin. Humorvoll und mit viel Sympathie für die Schwachen transponiert Theres Liechti die verspielte Alltagsszene auf die Ebene der Allegorie, wo Mut und Übermut kein Widerspruch sind. Doch es klingt auch ein leiser melancholischer Unterton mit, bedenkt man z.B. die evolutionsgeschichtliche Kluft zwischen Wildtier und Streicheltier oder die Gefährdung der lebenden Vorbilder manchen Kuscheltiers in freier Natur. Diesem Umstand entspricht auch die nüchterne Farbstimmung in ihrer – zufälligen – Reduktion auf Schwarzweiss.

© Text: Astrid Näff



«Insomnia», Stop Motion Animation, 04:23, Loop, 2008
Still
Sammlung Stadt Winterthur

Alltagsnah und mit Liebe zum Detail inszeniert, handelt «Insomnia», titelgetreu, vom Ausbleiben des Schlafs. Sich im Bett Wälzen, Aufstehen und Lesen sind Klassiker nächtlicher Kompensationsaktivität. Hier aber finden die als solches banalen Ver-richtungen in einem sporadisch von Blitzen durchzuckten Puppenhaus statt. Die heile Spielzeugwelt birgt folglich zugleich die Erinnerung an Kindheitsängste in sich und verwandelt sich in eine Zone prekären Gleichgewichts zwischen Schutz und Bedrohung, Traum und Trauma, Realität und Fiktion. Das psychologisch verdichtete Geschehen, das in doppelter Anlehnung an mittelalterliche Bildschemata und zeitge-nössische Split-Screens multifokal in vier Räumen erzählt wird, wirft zudem Fragen auf: Weshalb kommt das Licht mal von links, mal von rechts? Wieso scheint bei Gewitter der Mond? Und was, wenn nicht pure Leselust, hält die Figur in der Küche, wo auch Nagetiere herumhuschen, wach? Antworten gibt der Film nicht, und so bleibt der Betrachter trotz der offenen Frontseite des Puppenhauses und der bildfüllenden, zur Teilhabe einladenden Wiedergabe der Handlungsräume buchstäblich aussen vor. Dem distanzarm, d.h. unmittelbar gezeigten und dadurch als dramatisch definierten Geschehen steht er machtlos, ohne Möglichkeit zum Eingreifen gegenüber. Nur die eigene Vorstellungskraft öffnet Auswege, doch selbst diese verlaufen sich letztlich im Loop. Diese Passivsituation unterscheidet «Insomnia» vom vertrauten, spielerischen Umgang mit dem Puppen-haus, bei dem üblicherweise eine aussen-stehende Person die Geschicke der Erzählfiguren lenkt. Das Gefühl, etwas Unerwartetes könnte in die nächtliche Stille einbrechen, das Umkippen vom Heimeligen ins Unheimliche gemäss Freud, ist somit längst nicht allein an den Furchtfaktor Unwetter oder an den Topos der zum Leben erweckten, selbsttätig agierenden Puppen geknüpft. Mindestens ebenso sehr ist das Unbehagen narratorisch bedingt, da der auktoriale, d.h. allwissende oder omni-potente Status des an die Stelle des Erzählers gerückten Betrachters unter-bunden worden ist und erst auf der Meta-ebene des analytischen Weiterdenkens reaktiviert werden kann. «Insomnia» oder vielmehr die virulente, kräftezehrende Schlaflosigkeit lässt sich somit nicht zuletzt als Synonym für Gedankenaktivität verstehen. Das Puppenhaus als Ort der Handlung wird dadurch zur Spielstätte für den geistigen Gebrauch.

© Text: Astrid Näff

«Tatorte», Stop Motion Animation, 12:57, 2007
Still
Sammlung Stadt Winterthur

«Eine lustvolle Überraschung bietet das Kinderzimmer nebenan: Theres Liechti lädt den Besucher auf rosa Plastikhockern zur
Besichtigung der «Tatorte» häuslichen Lebens. Ein 12-minütiger Film lässt in kurzen Sequenzen vermeintlich unschuldiges Kinderspielzeug in skurrilen Abgründigkeiten und Obszönitäten schwelgen.»
Mario Lüscher, Tatort und Spielplatz - Kunst hier und jetzt, Der Landbote, 6.12.2007


«Frau», Blut auf Toilettenpapier, 2006


«Milch», Mixed Media, 2005


«Die Schürzenjägerin», Mixed Media
Installation Kunstmuseum Winterthur, 2003

«Im vorderen Teil des Kabinetts befindet sich die geistreiche Installation von Theres Liechti. Niedliche, zu Teppich und kugelförmigen Objekten zusammengenähte Kuscheltiere entpuppen sich als Jagdtrophäen einer jungen Schürzenjägerin.»

Lucia Cavegn, Der Landbote, 13.12.2003


«Gönnerobjekt Künstlergruppe Winterthur», Strumpf, Schaumstoff, Kartonschachtel
Installation Kunstmuseum Winterthur, Edition 120, 2002


«Rey amarillo», Aquarell, 100x70 cm, 2002


«Schmetterling», Aquarell
Die Unjurierte, Winterthur, 2001


«Pas de deux», Mixed Media
Installation Kunstmuseum Winterthur, 2001


 

«Die Hochzeit», Mixed Media
Installation, Atelier Alexander, 2000
«Zu den gemalten Porträts angestrengt glücklicher Brautpaare gesellen sich Vulkanbilder. Die stilisierten Vulkane verbinden mexikanische Landschaftseindrücke mit unverhohlen sexueller Symbolik, stehen gleichermassen für feurige Vitalität, Unberechenbarkeit und untergründige Bedrohung. Vulkane finden sich auch auf der knallbunten Spielwiese der Bodenobjekte. Einige von ihnen sind zu Pyramiden «domestiziert» andere konkurrieren mit den plastischen Körpern von Türmen, Blumen, Früchten und Kernen. Über der Ebene üppiger Lebenslust hängen Tüllwolken in Pastelltönen am Ehehimmel. Wie Sprechblasen eines unsichtbaren Spielverderbers warnen sie mit Aufschriften «Die Ruhe ist trügerisch» oder «Der Ausbruch kommt plötzlich». Die Ambivalenz der Hochzeit zwischen lebendigem Ritual und Inszenierung, Vereinnahmen und Verausgaben, fasst Theres Liechti im Schaufenster der Galerie in einer Art Altar zusammen. Unter einem Hochzeits- Doppelporträt liegen Zitrusfrüchte: echt, aber schrumplig, ausgehöhlt und zusammengeflickt die einen, mit intakter Haut, schön farbig, doch aus Silikon die andern.»
Barbara Handke, Tages Anzeiger, 3.7.2000

Das Salz in der Suppe dieses Hochzeitsbanketts sind die locker in der Ausstellung verstreuten, pastellfarbenen Tüllwöllkchen, auf die Sätze aufgesprayt sind wie: „Die Wolken verdichten sich“, „Die Ruhe ist trügerisch“, „Der Ausbruch kommt plötzlich“ und so weiter. Theres Liechti ahmt klischeehafte, banale Sätze, die aus einem Groschenroman stammen könnten, nach und bringt so die vielen widersprüchlichen Gefühle, die mit dem Ritual der Hochzeit verbunden sind, erneut auf den Punkt.“

Kathleen Bühler, Der Landbote, 27.6.2000



«Ixtaxihuatl», Mixed Media, 1999

Installation, Kunstmuseum Winterthur


«Vitrine», Mixed Media, 1997

Installation, Kunstmuseum Winterthur


«Zopfmarathon», Still, Video, 30:37, Loop, 1996


«Geburt», Polaroid, 1994

Kunstraum Konradstrasse, Winterthur