Kunstbulletin 3/2024

FACETTENREICHES SCHWARZ
Hinweis
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Kristin Schmidt

Winterthur — Schwarz ist eine Farbe. Schwarz ist keine Farbe, sondern die Abwesenheit des Lichts. Schwarz ist – im Gegenteil – das Licht selbst. Letzteres war das Diktum des Franzosen Pierre Soulages. Für den Maler und Grafiker war Schwarz die aktivste Farbe überhaupt, weil sie alle anderen zum Leuchten bringt. Das kann nur Schwarz. Und es kann noch viel mehr, wie die aktuelle Ausstellung im oxyd in Winterthur zeigt. Sie ist die erste Koproduktion des unabhängigen Kunstraums mit der Künstler:innengruppe Winterthur. Elf der fast hundert Gruppenmitglieder sind in der Schau ‹Facettenreiches Schwarz› vertreten. Ihnen geht es um weit mehr als um die Farbdiskussion: Inhaltlich ist Schwarz das Transportmittel für die Schwere, die Leere, die Trauer, das Vergessen. Formal ermöglicht es Strenge, Konzentration und starke Kontraste. Das thematische Spektrum reicht in der Ausstellung von Gewalt über Mystik bis zum Kosmos. Es ist so breit wie die mediale Vielfalt: Klassische Holzschnitte und Kohlezeichnungen sind zu sehen, Videos und Siebdrucke, Werke aus Seilen oder harzgetränkten Sturmmasken.
Den Einstieg in die Ausstellung macht Bruno Streich mit seiner Serie ‹Nightscape› (2019). Anlässlich der Demenzerkrankung seiner Mutter begann er, altertümliche Landschaftsgemälde mit dunkler Ölfarbe zu überdecken. Die ursprünglichen Farben und Formen sind noch vorhanden, aber kaum mehr zu erkennen. Das Schwarz schliesst sie ein, undurchdringlich, unwiderruflich. Der Künstler liefert ein treffendes Bild für den Verlust der Erinnerungen und der Fähigkeit zu kommunizieren.
Die Beschränkung auf die dunkelste aller Farben lenkt den Blick auf ihren Reichtum. Beispielsweise auf die pudrige Oberfläche der Gummibänder in Katharina Henkings Arbeit ‹Bomba› (2017) oder auf die Lichtreflexe in Gregor Frehners ‹Armada› (2023/24): Ein Kahn und zwölf U-Boote aus schwarz eingefärbtem Bienenwachs stehen für den politisch brisanten Migrationsweg über das Mittelmeer. Den gelungenen Abschluss der Ausstellung setzt Theres Liechtis Videoprojektion ‹Feuer im Dach› (2015). Vor schwarzem Hintergrund gehen archetypische, weisse Papierhäuser in Flammen auf. Die Kirche, das Einfamilienhaus, der Wohnblock – langsam verbrennen sie und stehen dank dem Loop wieder unversehrt da. Diese Bilder sind ebenso einfach wie ausdrucksstark. Form und Inhalt bilden eine Einheit. Schwarz sind der Hintergrund und die Asche, schwarz das Drama und das Nichts – bis zum Neuanfang.
Bis
21.04.2024


 


 


 

Transformation#3, Temporäre Kapelle, Dorfkirche Veltheim

 

Theres Liechti «Salome...»

 

Künstlerischer Input zur Ausstellung

von Katharina Henking, Mitglied der Programmkommission und Künstlerin, anlässlich der Vernissage am Donnerstag, 9. Januar 2020

 

 

Kunst muss nichts, darf fast alles, ist zielbefreit. Sie kann verstören, kann amüsieren, komisch, ironisch, ernsthaft, vorder- und hintergründig sein, provozieren, die Fantasie anregen, zum Nachdenken bringen, ins Absurde, ja Unheilvolle kippen.

 

Die Kunst von Theres Liechti macht alles von dem, sei es bezüglich Thema Sexualität, womit sie sich in ihrem früheren Werk stark auseinandersetzte und zum Teil damit – zwar absichtslos – oft aneckte, sei es bezüglich einer Heile-Welt-Vorstellung oder familiärer Motive, sei es bezüglich innerer Konflikte zwischen Macht und Ohnmacht. Dennoch sind die Themen universal. Das Grosse steckt im Kleinen, das Kleine im Grossen.

 

Als versierte Zeichnerin bildet Theres Liechti das ab, was sie umgibt oder sie vorfindet. Dazu gehört die titelgebende achtfache Darstellung der Salome, die hier als Serie von Farbstiftzeichnungen präsentiert ist. Bei einem Atelieraufenthalt im Münstertal hat Theres Liechti vor einem Jahr im Benediktinerinnenkloster St. Johann die romanische Wandmalerei als interessantes Motiv für sich entdeckt, welche die Enthauptung Johannes des Täufers und das Festmahl des Herodes mit dem Tanz der Salome zeigt. Mit der Kamera des Smartphones fokussierte sie den Moment der tanzenden Salome und deren Präsentation des Hauptes von Johannes auf einem Teller und zeichnete diesen fotografierten Ausschnitt 1:1 in der Grösse des Displays ab. Mit der digitalen Suchmaschine fand sie weitere Darstellungen der Salome aus Sammlungen grossen Museen der westlichen Welt und zeichnete sie im gleichen Verfahren nach.

 

Aber was hat Salome mit uns, unserer Gegenwart zu tun? Ist es, dass sich die niederen Instinkte über die Jahrhunderte nicht ausrotten liessen? Ist es die Ambivalenz ihrer Figur? War Salome Opfer oder Täterin — oder beides gleichzeitig? Was bewegte sie dazu, den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen, den Kopf des Johannes des Täufers einzufordern? Salome, die einen Wunsch frei hatte, nachdem sie Herodes an seiner Geburtstagsfeier durch ihren verführerischen Tanz entzückte? Auch er geriet unter Druck: Denn es war nicht sein Bestreben, Johannes ermorden zu lassen. Nur, jetzt konnte er nicht mehr anders, als Salomes Wunsch zu entsprechen. Er, als bedeutender Herrscher eines grossen Reiches wurde zum Ausgelieferten, zum Unterlegenen.

 

So blutrünstig und gewalttätig diese Geschichte ist, so harmlos fast erscheint mir die Figur der Salome hier in den kleinen farbigen Nachzeichnungen. Einmal mehr stolz, kämpferisch und siegesgewiss, dann wieder eher lieblich, verführerisch und fast gelangweilt wirkend führt sie ihre Trophäe vor. Uns, dem Publikum. Interessant ist auch, dass Theres Liechti Format und Umrisszeichnung des Smartphones verwendet. Das Smartphone hat in den letzten gut zehn Jahren seines Bestehens die Gesellschaft und die Kommunikation radikal verändert, nicht nur zum Besten, wie wir wissen. Es werden oft Gewaltszenen ins Netz gestellt und so rasch verbreitet, wie als Konsumgut benutzt und heroisiert.

 

Geht es in der Stop Motion Animation mit dem Titel «Frau» ebenfalls um Gewalt – oder um Geschlechterkampf und wer Täter und wer Opfer ist? Was man in der Projektion sieht, ist eine bewegt Masse, die eine Frauenfigur, die dem Ideal der 1920 Jahre entspricht und vermutlich als Illustration auch aus der Zeit stammt, fast komplett überdeckt. Meine erste Assoziation war: Das sind Maden. Meine zweite: Eine bewegte Spitzenhülle, ein sich bewegendes ornamentales Geflecht. Aber bei genauer Betrachtung handelt es sich um Spielzeugsoldaten, welche einen seltsamen Kampf austragen. Betrachtet man aber die Figuren im Einzelnen, hat man den Eindruck, dass es hier mehr um Abwehr und Verteidigung als um Angriff geht. Jeder Soldat scheint isoliert einen inneren Konflikt auszutragen, hilflos, ausgeliefert und marionettenhaft. Zwar liegt die Assoziation einer Massenvergewaltigung genau so nah, wie sie leider nicht nur in Kriegszeiten vorkommen, wenn jegliche Moral und Grenzen entfallen. Aber was hier in der Masse passiert, führt zu keinem sichtbaren Ziel. Die Figuren wirken mit ihren ruckartigen Eiertänzen nicht wie testosterongesteuerte Monster. Der Soldat, bzw. der Mann entlarvt sich hier als das schwache Geschlecht. Die begehrte Frau bleibt seltsam unberührt und unerreichbar, sie fungiert als Projektionsfläche. Sie behält die Oberhand und ist die Überlegene. Oder liesse es sich auch so lesen, dass die Soldaten einen Schutzwall um die Frauenfigur legen, um sie vor Eindringlingen zu schützen?

 

Die zweite, hier an die Wand projizierte Stop Motion Animation zeigt in faszinierender Schlichtheit die Figur eines Rehs, die sich wie beim Motiv «Frau» in einer Endlosschleife immer im gleichen Bewegungsablauf befindet. Hier als ein Schattenbild, ein Umrissbild, ein bewegter Scherenschnitt. Steh-auf, klapp-zu. Aufraffen, zusammensinken. Die Figur zeigt sich uns gestärkt, dann wieder verletzt, sie rührt uns in seiner vermeintlichen Hilflosigkeit beim Zusammensacken und regt unsere Empathie und unseren Helfer-Instinkt an, ähnlich, wie bei einem schutzbedürftigen Kleinkind. Im Übergang zwischen seiner Aufrichtung und seinem Zusammenbruch wird aus dem Tier ein anderes Etwas, wird ein Zwischending, ein Hybrid, sieht für einen kurzen Moment fast bedrohlich aus. Diese Darstellung mag symbolisieren, dass eine Niederlage nicht das Ende bedeuten muss und es immer wieder einen Anfang gibt, der ins Positive führen kann. Das Reh, das titelgebend ist, ist in natura ein Holzspielzeug, genannt Wakouwa. Auf Daumendruck kann die Position der Gelenke verändert werden, die innerlich durch eine Schnur verbunden sind.

 

Das liegt in der Qualität von Theres Liechtis medial vielfältigem künstlerischen und auch mehrfach ausgezeichnetem Schaffen, das mit hoher technischer Könnerschaft einhergeht, mit einfachen, alltäglichen Mitteln eine maximale Wirkung, wenn nicht Sogwirkung zu erzielen. Es ist eine wunderbare Gabe von ihr, die ich als Künstlerfreundin an ihr bewundere. Dahinter liegt ein unabhängiger Geist und ein die Gesellschaft scharf beobachtender und gleichsam schräger Blick und die Fähigkeit, aus Puppenstuben, Puppen, Tieren, Spielsachen und unterschiedlichen Utensilien sowie Gebrauchsgegenständen ein Universum zu zaubern, das seinesgleichen sucht. Theres Liechti hält uns nicht zuletzt einen Spiegel vor und beschenkt uns reich.

 

Wie Theres Liechtis Welt und insbesondere die hier ausgestellten Werke ein Psychiater und eine Pfarrerin sehen, werden wir am Anlass «Kunst und Spiritualität» am Mittwoch, 29. Januar erfahren.

 

 
 

 

Nun ist alles gut, Helmut Dworschak, Jahrbuch Winterthur 2019

 

Kunstbulletin, 1/ 2018


Laudatio-Matthias Frehner-Carl Heinrich Ernst Preis-2017.pdf

... Bilder virtuell in Gang zu bringen, ist eine Spezialität dieser Künstlerin. Sie legt uns ein Bild hin, öffnet damit die Schleusen unseres Unterbewussten. Nicht nur Versuchsanordnungen auszulegen, sondern ganze Abläufe selber in Bewegung zu setzen – dies war der Auslöser für die Auseinandersetzung mit dem Medium Film. Theres Liechti hat inzwischen ein knappes Dutzend Kurzfilme im stop-motion-Verfahren realisiert, die an Prägnanz und Originalität zum Besten gehören, was ich in diesem Bereich im Documenta- und Biennale-Jahr 2017 gesehen habe.

Die nicht zu überbietende Einfachheit und Selbstverständlichkeit ihrer filmischen Aperçus, die oft nur in einer einzigen Körperbewegung bestehen, sind cool und einfach genial. Ihre Protagonisten sind Puppen, Plastikschweinchen, der eigene Hund; die Spielorte vorzugsweise Puppenstuben. Häufig passiert fast nichts. Besamo mucho: Man sieht eine Puppe, ein Mädchen im roten Röckchen steht vor uns. Lange nichts! Läuft der Film überhaupt? Plötzlich springt das Püppchen hoch und spreizt wie ein Hampelmann die Beine und wirft die Arme in die Höhe. Außer dem Röckchen trägt es keine Kleider. Dann geht’s zurück in die keusche Ausganslage. Ebenfalls wie unter einem Bann führen die Puppen im Puppenhaus Insomnia immer wieder die exakt gleichen Bewegungen aus: Diese Szenen wirken wie Albträume: Liechtis Puppen sind Sisyphos‘ Schwestern. Doch es gibt auch heitere Zwischenspiele, wenn sie ihren Schlafenden Hund filmt und der Kreatur die Ruhe gönnt oder wenn sie mit ihren Händen Monster in den Raum zaubert. ...

Matthias Frehner, Ausschnitt Laudatio, Carl Heinrich Ernst Preisverleihung, Kunstmuseum Winterthur, 2017




Seit dem Besuch des Vorkurses 1989/1990 an der Kunstgewerbe-schule Zürich arbeitet Theres Liechti als freischaffende Künstlerin in Winterthur. Von 2002 bis 2007 folgte ein Studium der Vermittlung/ Gestaltung und Kunst an der ZHdK. Theres Liechtis Werk ist häufig und vielfältig bei Ausstellungen vertreten, zuletzt an der grossangelegten Gruppenausstellung der Künstlergruppe in der Villa Flora 2016 oder an der von ihr co-kuratierten Ausstellung im Neuwiesenhof Winterthur im Jahr 2015. 

Theres Liechti arbeitet in verschiedenen Medien und ihr umfangreicher Werkkorpus umfasst Zeichnung, Malerei, Objektkunst, Fotografie und Animationsfilme. Die Zeichnung zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Werk. In den früheren Zeichnungen stand häufig das Körperliche im Vordergrund, vermeintliche Tabuthemen wie Sexualität und Geburt wurden direkt, aber stets mit Fingerspitzengefühl aufgegriffen. Heute wendet sie sich in ihren Zeichnungen, die nicht nur auf klassischen Bildträgern, sondern auch auf Tapetenresten etc. ausgeführt werden, vermehrt der Tierwelt zu.

Vor einigen Jahren begann Theres Liechti Animationsfilme zu entwickeln. Heute nehmen die Filme einen grossen Teil ihres Œuvres ein. Für die Filme wendet sie das sogenannte Stop Motion Verfahren an. Bei dieser traditionellen Animationsfilmtechnik werden einzelne Fotografien aneinandergereiht, so dass die Illusion entsteht, als ob sich das gezeigte Objekt bewegen würde. Im Prinzip entspricht dies einem Daumenkino, das in einen Film übersetzt wird. Ein typisches Erkennungsmerkmal der Filme von Theres Liechti ist, dass sie bewusst ruckartig, zeitverzögert und handgemacht wirken. Dieser Effekt wird durch den bewussten Einsatz von relativ wenigen Bildern pro Sekunde erreicht. Die Filme zeichnen sich zudem durch einen häufig skurrilen Erzählstrang aus.

Für Theres Liechti sind Alltagsbeobachtungen die wichtigsten Inspirationsquellen. Sie spürt die subtilen Zwischentöne auf, greift den Zauber, aber auch die Absurditäten, des Alltäglichen auf. 

Text: Katja Baumhoff, Kunst im Superblock, 2016



Landbote, 10.9.2015

 




Beruf(ung) Künstlerin, Fontana Gränacher Stiftung, Verlag Scheidegger & Spiess, 2013

 



Von der Öffentlichkeit des Intimen, Kathleen Bühler, Winterthurer Jahrbuch 2000